Aus meinem Wanderpferd-Tagebuch vom 9. September 2015

Alice/ Dezember 4, 2015/ Tagebuch/ 1Kommentare

Aus meinem Tagebuch:
„Der vierte Tag ist nun angebrochen.
Mit Vogelgezwitscher, blauem Himmel und Frühstück inklusive Kaffee 🙂 starten wir in den Tag.

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Diese ersten Nächte im Zelt in der freien Natur waren bisher sehr anstrengend und geprägt vom ständigen Aufwachen und Nachschauen, ob das Pferd noch da ist und ob noch alles in Ordnung ist.

Letzte Nacht bin ich aufgestanden und habe eine Stunde neben meinem Pferd gestanden, eingewickelt in die Wolldecke, um ihm Gesellschaft zu leisten. Er war nervös, lief hin und her, die Augen weit geöffnet und die Ohren gespitzt. Er war sichtlich angespannt. Und ich dachte mir, wenn ich ihm Gesellschaft leiste, mich zu ihm stelle, dann kann ich ihm dadurch vielleicht Sicherheit geben, und er kann endlich zur Ruhe kommen. Und tatsächlich, es hat funktioniert!
Ich stand einfach nur reglos neben ihm und er neben mir, mitten in der Nacht. Völlig ohne jede Bewegung verlor ich irgendwann das Gefühl für meinen Körper. Mit geschlossenen Augen lauschte ich nur den Geräuschen der Nacht und genoss die stille Zweisamkeit.

Die ersten zwei Tage unterwegs mit Pferd und Hund waren sicher aufregend, aber ich kann nicht behaupten, dass sie schön gewesen sind. Und wenn sie sprechen könnten, dann würden mein Pferd und Hund sicher zustimmen 🙂

Gleich am ersten Tag musste ich mehrfach schmerzlich erfahren, wie wichtig es ist das Pferd ordentlich und sicher zu bepacken. Als ich unterwegs das Pferd anbinden musste, um Wasser für ihn aus dem Rhein zu holen wurde er ganz nervös und drehte sich dabei immerzu im Kreis um den Pfosten herum. Hierbei wurde das ganze Gewicht des Gepäcks nach außen gezogen und alles rutschte samt Sattel am Pferd zur Seite runter. Nun hing das gesamte Gewicht von mindestens 40 kg halb unterm Pferdebauch und mir rutschte mein Herz bis in die Zehenspitzen. Im Bruchteil einer Sekunde schossen mir wild diverse Bilder durch den Kopf, aus Angst davor, was nun passieren würde, wie das Pferd reagieren würde und wie ich dieses Problem gelöst bekomme. Jammin stand aber nur still da, bewegte sich keinen Zentimeter und wartete vielleicht einfach nur darauf, dass ich dieses blöde Ding da von ihm abschnalle – puuh, was ein Glück hab ich so ein tolles Pferd – Als ich mit großer Mühe den Sattelgurt öffnen konnte und alles abgeladen hatte, da schüttelte sich Jammin ein mal, schnaubte und fing an zu fressen. Alles war wieder in bester Ordnung 🙂

Aber ich war vollkommen verschwitzt und stand unter großer Anspannung. Dies war wohl ein erster Test an mich, ob ich dieser großen Herausforderung gewachsen bin, dachte ich und gönnte mir eine Verschnaufpause.

Und dann startet ich von vorn und begann das Pferd erneut zu beladen. Sattelpad, Satteldecke, Sattel, Satteltaschen und dann noch jedes einzelne Packstück verzurren und verknoten…

Endlich ging es weiter… Im Übrigen hatte sich dieser Stopp am Rhein nicht wirklich gelohnt, denn Jammin rührte keinen Tropfen an von dem Wasser, was ich für ihn hochgeschleppt hatte 😉

Und wie sich dann ein paar Stunden später herausstellte, hatte ich wohl aus dem ganzen Schlamassel noch nichts dazu gelernt. Ich war mühsam auf der Suche nach einem geeigneten Lagerplatz (dem Ersten!) für diese Nacht. Ich wurde schon nervös, denn die Abenddämmerung brach ein. Dann endlich fand ich einen Platz, halb eingeschlossen von Bäumen und nicht weit vom Rhein, sodass ich für Wasser sorgen konnte. Ich band Jammin an einem Baum fest und schwups, da rutschte schon wieder die ganze Ladung von seinem Rücken Richtung Bauch. Verdammter Mist!!! Ich war bereits so erschöpft von diesem ersten Tag, völlig gestresst, weil es nun bereits dunkel war und noch kein Lager aufgebaut war. Puuhh, diesmal wollte sich der Bauchgurt unter der ganzen Spannung einfach nicht lösen und kurz dachte ich schon, ich müsste ihn durchschneiden. Mit letzter Kraft löste er sich dann doch noch…

Ich packte aus, stellte den mobilen Weidezaun auf, baute mein Zelt auf, holte erneut Wasser für die Tiere und bereitete mir ein kleines Abendessen zu. Ich war fix und fertig.

Doch in dieser ersten Nacht konnte keiner von uns dreien so wirklich schlafen. Die Geräusche der Nacht machten uns alle sehr nervös. Rehe „bellten“ nicht weit von uns und das fand Luna ganz besonders unheimlich. Jammin fehlten sicherlich seine Kumpels, die normalerweise mit ihm aufpassten, doch nun war er ganz alleine in fremder Umgebung und ich war ihm zumindest jetzt sicher noch kein Ersatz. Und ich selbst war voller Sorge um mein Pferd, weil ich Angst hatte, dass er den Weidezaun durchbrechen könnte und dann weglaufen würde…

In dieser doch sehr unruhigen Nacht träumte ich davon, wie ich am nächsten Morgen genau an dieser Stelle aufwachte und ich mich in Mitten einer Menschenansammlung wiederfand. Fröhlich ausgelassene Menschen hatten rings um mich herum ebenfalls ihr Lager aufgebaut und entspannten in geselliger Atmosphäre.

Als ich dann am nächsten Morgen tatsächlich aufwachte war ich allein. Doch das wichtigste, mein Pferd und Hund waren noch da und sie schienen wohl ebenso dankbar zu sein, dass der neue Tag nun angebrochen war.

Der zweite Tag ließ erkennen, dass ich gelernt hatte mein Pferd deutlich besser zu bepacken, auch wenn der Sattel immer wieder mal leicht zu einer Seite rutschte, doch das erkannte ich früh genug und konnte alle mit einem Ruck wieder richtig positionieren. Dennoch verzichtete ich an diesem Tag vollständig auf’s Reiten.

Der dritte Tag, also gestern, war bisher der beste. Tolles Wetter, entspannter Wandertrupp und endlich, endlich eine Wanderroute, die es sich lohnte zu wandern.

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Hinter dem Ort Osthofen waren schon die Weinberge zu sehen. Durch Osthofen durch kamen wir an einem Blumenladen vorbei, wo ich freundlich darum bat, meine Wasserflaschen aufzufüllen. Und ebenso freundlich wurde ich empfangen und konnte in aller Ruhe Wasser tanken. Die Blumenverkäuferin kam lächelnd heraus, begrüßte meine Tiere und fragte Jammin, ob er nicht auch etwas trinken wolle. Er schüttelte mit dem Kopf 😀 aber als sie dann mit einem Eimer Wasser wieder herauskam, nahm er dankend das Wasser entgegen.

Gestärkt gingen wir weiter bis wir die Weinberge erreichten. Luna konnte ich von der Leine lassen und sie durfte nun endlich wieder frei laufen.

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Dem Pferd und mir gönnte ich nun eine entspannte Fresspause. Den restlichen Tag wanderten wir durch die Weinberge bis nach Abenheim. Unterwegs naschte ich süße Brombeeren und Weintrauben. Die Sonne schien, es war warm und der Ausblick war großartig.So konnte es ruhig weitergehen, dachte ich mir.

Im Übrigen stellte ich fest, dass ich einen Teil des Jakobwegs gelaufen bin.

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In Abenheim angekommen steuerten wir den Friedhof an, wo ich hoffte Wasser für Pferd und Hund zu bekommen. Und so war es auch.Da allerdings Haustiere auf dem Friedhof nicht erlaubt waren, mussten meine zwei Vierbeiner draußen warten (gehören Pferde überhaupt zu den Haustieren?). Durch den Ort Abenheim durch führte unser Weg weiter Richtung Autobahn A61, wo ich mir eine kleine Unterführung auf der Karte ausgesucht hatte.

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Unterwegs hielten wir noch an einem saftigen Kleefeld an, wo ich Jammin fressen ließ, denn ich wusste Wiesenklee ist sehr reichhaltig an Nährstoffen. Während ich mit ihm da stand blätterte ich in meinem kleinen Pflanzenführer und lernte daraus, dass Klee auch gut für den Menschen ist. Wir können die Blüten, Blätter und Stängel essen und uns daraus einen Tee bei Husten zubereiten. Und äußerlich angewendet soll Wiesenklee bei Hautkrankheiten helfen.

Angekommen bei unserem Nachtlager Nr. 3 überlegte ich lange, ob wir hier bleiben sollten. Um uns herum waren nur Felder und die Autobahn, aber keine Häuser und der nächste Ort auch weit genug entfernt, das war schon mal gut. Aber hier waren überall Spuren von Wildtieren zu erkennen und auch die von Wildschweinen. Außerdem lagen überall auf dem Boden verteilt leere Gewehrpatronenhülsen und ich hatte keine Lust heute Nacht von Wildschweinen oder einem bewaffneten Jäger aufgescheucht zu werden (Lieber Stefan, ja, ich weiß, es gibt auch so nette Jäger, wie dich. Aber ob alle so sind?). Nun gut, was blieb mir denn nun anderes übrig. Hier hatte ich ein Stück schützenden Wald für mein Zelt und auch ein Stück Wiese für das Pferd. Außerdem war es in einer Ecke gelegen, wo man uns hoffentlich nicht so leicht entdeckte. Nur Wasser gab es hier leider keins und so mussten die übrig gebliebenen drei Liter für uns drei heute Nacht reichen.

Ich wollte lieber noch mit dem Aufbau meines Zelts warten, bis es dunkel ist und so striegelte ich in der Zeit das Pferd, als ich in der Abenddämmerung plötzlich auf uns zukommende Autoscheinwerfer erkennen konnte. Adrenalin schoss mir ins Blut, ich wurde nervös, überlegte, was ich sagen und machen sollte. Was, wenn wir nun von hier weggeschickt werden? Wo sollen wir denn jetzt hin? Das Auto kam näher und hielt direkt bei uns an. Nun gab es keinen Zweifel. Ich musste mich dieser Situation und diesem Menschen stellen. War dieser Mensch da drinnen freundlich oder nicht? Würde er uns wegschicken, oder nicht?

Als der Autofahrer den Motor abstellte, hörte ich auf das Pferd zu striegeln und ging selbstbewusst und wie selbstverständlich auf die Fahrerseite des Autos zu. Die Tür öffnete sich und der Mann darin fragte: „Und Sie sind hier mit dem Pferd auf Wanderschaft?“ und er lächelte freundlich dabei. Sofort entspannte ich mich, als ich spüren konnte, dass dieser Mensch freundlich gesinnt war und Interesse an meinem abenteuerlichen Vorhaben zeigte. Er erzählte mir, er habe von der Ferne aus etwas weißes gesehen, was ihm ungewöhnlich erschien und deshalb ist er hierher gefahren um nachzusehen. Es stellte sich heraus, dass das weiße, was er gesehen hatte, das Hinterteil von Jammin gewesen war, was einen starken Kontrast zum dunklen Wald im Hintergrund darstellte. Gut zu wissen, dachte ich mir.

Der Mann verabschiedete sich, wünschte mir weiterhin alles gute und schenkte mir zum Abschied eine volle Flasche Wasser, die er zufällig noch im Auto hatte. Toll, was für ein Glück.

Am nächsten Morgen wachte ich mit strahlendem Sonnenschein, fröhlichem Vogelgezwitscher und herumspringenden Eichhörnchen auf.“

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Dies waren meine Aufzeichnungen aus meinem Tagebuch von den ersten drei Tagen! Ganz schön aufregend war das und wenn ich so zurückblicke, dann ist seither noch eine ganze Menge mehr passiert. Wir durften so einiges großartiges erleben und haben aber auch schwierige Situationen meistern können.Jeder einzelne Moment bis hierhin war es wert, diese Tour anzutreten und immer einen Schritt weiterzugehen.

Nach und nach möchte ich noch weitere meiner Tagebucheinträge mit euch hier unter Wanderpferd teilen, sodass ihr unser Abenteuer auch im Nachhinein noch mitverfolgen könnt.

Bis bald.

Eure Alice, Luna und Jammin

 

Mein Name ist Alice und im Sommer 2015 bin ich mit meinem Pferd und Hund losgezogen um von Deutschland aus in den Süden Europas zu wandern. Die Natur ist mein Zuhause geworden und sie bestimmt von nun an den Lebensrhythmus. Aus Langsamkeit und Stille schöpfe ich meine Kraft und lasse mich jeden Moment neu inspirieren.

1 Kommentar

  1. Jaaa – bitte mehr davon. Bin mit jeder Faser dabei, wenn Du berichtest.Manchmal wenn ich mit Melvin und Caspar unterwegs bin , dann denke ich auch ich würde am liebsten jetzt immer weiterlaufen oder hier an diesem tollen Punkt mein nicht mitgenommenes Zelt aufschlagen und einfach da bleiben. Aber dann werden die Finger und Füsse kalt und ich bin froh wieder in ein warmes Haus und gemütliches Bett zurückkehren zu können. Große Hochachtung vor Deiner Leistung. Vor allem auch immer für noch zwei Lebewesen mitzusorgen ohne Versorgungsfahrzeug im Hintergrund.Ich wünsche Dir noch viele schöne Erlebnisse, Begegnungen und ab und zu ne gute Fee wenns mal wieder schwierig wird.

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